Read Aufleuchtende Details: Memoiren eines Erzählers by Péter Nádas Online

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P ter N das geh rt zu den gro en Autoren unserer Zeit Nunmehr erg nzt er sein gewaltiges Romanwerk durch seine Lebenserinnerungen, ein ebenso pers nliches wie zeitgeschichtliches Dokument von durchschlagender erz hlerischer Kraft.W hrend N das Mutter am 14 Oktober 1942 in Budapest mit der Stra enbahn zur Entbindung f hrt, liquidiert ein Einsatzkommando das Getto in Mizocz, Anne Frank zeichnet das Gewicht jedes Familienmitglieds auf, Jan Karski bermittelt in den Pyren en der polnischen Exilregierung Nachrichten des Widerstands, und Viktor Klemperer erh lt in Dresden kein Brot Jedes Ereignis, so N das, wirkt auf alle anderen Ereignisse ein ob in der Politik oder der privaten Lebensgeschichte Es sind jene Momente, die Geschichte fassbar machen und Erinnerung konstituieren eben die aufleuchtenden Details Deren weitgespannten Verflechtungen folgen P ter N das Memoiren nicht chronologisch, sondern assoziativ, wie in seinen gro en Romanen Und durch jede einzelne Episode zieht sich die geheime Frage Wie bin ich zu dem geworden, der ich bin, wenn jede pers nliche Erinnerung, jede Pr gung, untrennbar mit Geschichte verstrickt ist Wenn jeder Moment des Lebens nur die Spitze eines Eisbergs ist In die finsteren Tiefen des 20 Jahrhunderts wirft, so N das, auch die europ ische Aufkl rung kaum noch Licht Und so erz hlt dieses Buch nicht zuletzt davon, wie Identit t unter schwierigen Bedingungen w chst, w hrend sie sich permanent im Strom der Zeit zu verlieren droht Einer der gr ten europ ischen Erz hler blickt hier zur ck auf sein Leben, das bis ins kleinste, leuchtende Detail verbunden ist mit den gro en Schicksalswendungen eines Kontinents im gewaltsamen Umbruch....

Title : Aufleuchtende Details: Memoiren eines Erzählers
Author :
Rating :
ISBN : 3498046977
ISBN13 : 978-3498046972
Format Type : Hardcover
Language : Deutsch
Publisher : Rowohlt Buchverlag Auflage 1 11 Oktober 2017
Number of Pages : 474 Pages
File Size : 963 KB
Status : Available For Download
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Aufleuchtende Details: Memoiren eines Erzählers Reviews

  • Peter Barthelmes
    2018-10-25 18:01

    Peter Nádas schreibt seine Erinnerungen genau so großartig wie seine Romane und Christina Viragh hat wieder alles in ein wunderbares Deutsch gebracht. Nádas beleuchtet sein Herkommen und das seiner Familie in der Zeit des Zweiten Weltkriegs, des Holocaust , der Nachkriegswirrenund des Aufbau des Sozialismus mit stalinistischem Angesicht in Ungarn.Sehr, sehr lesenswert !

  • Stefan Proust
    2018-11-04 13:18

    Der ungarische Schriftsteller Peter Nadas möchte in seinen Memoiren nichts undokumentiert lassen, "damit zu guter Letzt, bevor ich sterbe, Schein und Wirklichkeit, Realität und Phantasie doch noch auseinandergehalten werden." Gestützt auf historische Quellen, Familiendokumente, Briefe, Fotos und andere Erinnerungsstücke rekonstruiert Nadas seinen Familienstammbaum und sein Umfeld und damit die Entstehung und Entwicklung des eigenen Ichs. Die eigene Familiengeschichte ist eingebettet in ein Panoramabild der ungarischen und europäischen Gesellschaft und Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Die Memoiren werden nicht chronologisch, sondern assoziativ erzählt und dadurch erhalten sie einen gang eigenen Stil und hohen literarischen Wert. Peter Nadas teilt mit seinem Vater die Eigenschaft nichts Persönliches preiszugeben und versucht es durch eine völlige Offenheit auszugleichen, auch wenn die eher auf der Ebene der Phantasie und der Fiktion funktioniert. Ein Ort, wo er die Möglichkeit hat, "dass ich in meinem eigenen Satz nicht nur ich bin." Dies trifft jedoch auch auf die Memoiren zu, die nicht ohne Grund die Memoiren eines Erzählers heißen. Er beschreibt mit kritischer Distanz, großer Empathie und luzider Sprache das Leben und die politischen Ansichten seiner Ahnen, wobei es ihm auf unnachahmliche Art gelingt, das Fluidum der jeweiligen historischen Epoche zu vergegenwärtigen. Seine literarische Stärke liegt in der erzählerischen Kraft, weite Horizonte und kleine Details zusammenzufügen.Seine Geburt am 14. Oktober 1942 ist ein sehr gutes Beispiel wie hervorragend und atemberaubend ihm das gelingt. Am Tag seiner Geburt, während seine Mutter im Krankenhaus in den Wehen liegt, wird mit dem stillschweigenden Einverständnis der Welt das Ghetto von Misotsch liquidiert: "Was konkret bedeutete, dass am Tag meiner Geburt auf Befehl Hauptmann Hoffmanns 1259 auf einer Liste figurierende Menschen aus dem Städtchen in den nahen Steinbruch getrieben wurden. Dort wurden an diesem Mittwoch die Frauen von den Kindern getrennt. Sie mussten sich splitternackt ausziehen. So nackt, wie es meine Mutter war, als sie mich in der Budapester Szabolcs-Straße mit der Hilfe des renommierten Frauenarztes Imre Hirschler auf der Entbindungsstation des Jüdischen Krankenhauses auf die Welt presste." In den Exekutionsstätten wurden zuerst die nackten Männer erschossen, erst danach kamen die brüllenden Frauen mit den schreienden Kindern an die Reihe. Das tätige Bataillon ließ es sich auch nicht nehmen trotz Himmlers strengem Verbot, "die für die Hinrichtung aufgestellten nackten, ihre Kleinen an den Körper pressenden Frauen mit einer frisch geraubten Leica zu fotografieren." Am demselben sonnenstrahlenden Mittwoch, dem Tag von Peters Geburt wurde das mit fast dreitausend Juden wieder gefüllte Ghetto von Radzyn erneut geräumt: "Die Juden wurden am frühen Morgen auf dem Marktplatz von Radzyn zusammengetrieben, auf exakt hundert Pferdefuhrwerke verladen und ins nahe Miédzyrzec und von dort ins Vernichtungslager Treblinka gebracht." Am demselben Morgen, als die sich in Wehen befindende Mutter von Peter, Klara Nadas allein "in ihrem einzigen leichten Seidenkleid mit der Straßenbahn in die Klinik fuhr", rief der stellvertretende Staatssekretär im deutschen Außenministerium im Namen seiner Regierung die ungarische Regierung auf, die Judenfrage endgültig zu beseitigen. Die ungarische Regierung müsse dem deutschen Muster folgen und die Massendeportation in die Wege leiten.Am Tag seiner Geburt, an diesem ereignisreichen Mittwoch reist in derselben Morgenstunde der Verteidigungsminister Vilmos Nagy an die Ostfront, um die Ausrüstung der ungarischen Truppen persönlich zu kontrollieren und die Morgenblätter brachten die Nachricht heraus, dass die wundervolle Radioansprache der Gemahlin des Reichsverwesers Horthy, in welcher sie die Nation aufgerufen hatte, "zugunsten der für uns kämpfenden Truppen sämtliche entbehrlichen Wintersachen zur Verfügung zu stellen, ein ganz hervorragendens Ergebnis erzielt habe. Die Jungmännerverbände haben rund zweihundert Eisenbahnwaggons füllende Wintersachen gesammelt." Als es bereits dämmerte und die besorgte Klara an dem Geburtstag ihres Sohnes zum zweiten Mal ihm vergeblich die Brust gab, "fuhren die hundert leeren Pferdefuhrwerke wieder ordentlich auf den geräumten Hauptplatz von Radzyn ein." Peter Nadas schließt die weitgespannten Verflechtungen und aufleuchtenden kleinen Details am Tag seiner Geburt mit den Worten ab: "Normalerweise weiß man nicht, was am Tag der eigenen Geburt alles geschah, obwohl es doch so romantisch ist. Auch später wird man nicht neugierig darauf sein, weil man im netten Glauben lebt, an dem Mittwoch oder Freitag oder Dienstag sei das zentrale Weltereignis ja doch die eigene Ankunft gewesen. Später veranstaltet man tolle Feste, um am Jahrestag der Massaker von Radzyn, Luków und Misotsch mit Freunden die eigene Geburt freudig zu feiern."Peter Nadas empfindet seine Geburt als Tragödie, sein Leben erscheint ihm sinnlos, als Autist fällt es ihm lange Zeit schwer die Welt der Erwachsenen mit ihren Wörtern und Zeichen überhaupt zu verstehen. Später kommt ein Selbstmordversuch hinzu und schließlich der Rückzug aus der Stadt aufs Land, wo er noch heute lebt. Sein atheistisch-kommunistischer Vater versucht seinem kleinen Sohn vor allem die Zusammensetzung der physikalischen und mechanischen Welt bei seinen Wanderungen in der belagerten und zerbombten Stadt Budapest zu erklären. In ihrem materialistischen Weltbild waren die Mitglieder seiner Familie "fast ausnahmslos gegen alles Seelische immun. Die Seele ist Materie. Eine poetische Wortblüte." Beide Eltern von Nadas sowie seine Onkeln und Tanten waren in der illegalen kommunistischen Widerstandsbewegung während der Belagerung und der Pfeilkreuzer-Herrschaft aktiv. Im illegalen Kellerversteck druckten sie Flugblätter und fälschten Papiere, von den Aktivisten im Keller Papierwäsche genannt. Peter Nadas schreibt, dass er aus der Zeit vor der Belagerung kein Bild von seinem Vater oder seiner Mutter hat: "Die Belagerung hat das Leben vor der Belagerung gelöscht. Oder besser gesagt, die Belagerung zeigte zum ersten Mal, wie diese Welt ist und welchen Platz ich in ihr habe."Monatelang verbringen sein Vater Laszlo und sein Onkel Pista ihre Zeit illegal im Keller, bevor sie Anfang Januar aus dem Keller ans Tageslicht geholt werden. Um die Atmosphäre unmittelbar nach der Belagerung zu vermitteln greift Nadas auf die Aufzeichnungen seiner Tante Magda zurück, um zu zeigen, wie ein Erwachsener aus seiner Familie dieses "allumfassende Gehen" erlebte: "Wir gingen und gingen... endlich, man konnte aus den Kellern heraufkommen, alle gingen, alle schleppten etwas. ...Selbstverständlich gingen wir, mangels eines jeglichen Verkehrsmittels, zu Fuß. Man musste strikt vor sich auf den Boden schauen, um nicht unglücklich auf eine nicht explodierte Mine zu treten, um nicht in der Tiefe eines Bombenkraters zu verschwinden, um nicht über eine Leiche zu stolpern, über einen Tierkadaver oder auch über ein Klavier, ein aus einem Schießstand herausgekipptes Maschinengewehr, über eingestürzte Hauswände, über fremde Gegenstände, schreibt meine Tante, über nicht hierher passende Dinge, wie sie die einstigen Straßen der Trümmerstädte in dicker Schicht bedeckten und versperrten."Der kleine Peter marschiert mit, auch er erinnert sich an den Umzug in dem infernalisch kalten Belagerungswinter, an den leichenübersäten Neupester Kai, an die von Öl und Blut verdreckte Schneedecke der Fahrbahn, an die versehrten Bäume der Uferpromenade: "Ich blicke um mich in diesem Bild, nehme die Metamorphose der Welt zur Kenntnis. Das heißt also, dass ich damals schon eine Erinnerung daran hatte, an diesen Neupester Kai, wie er früher gewesen war, und der Unterschied zwischen friedlichem Vorher und kriegerischem Nachher entsetzte mich." Mit seinen Eltern und einer Gruppe von anderen Leuten machen sie sich auf den Weg zum Sitz des Volksbundes auf dem Tisza-Kalman-Platz, das von der Ungarischen Kommunistischen Partei besetzt worden war, "sie versammeln sich dort, ihre seit einem Vierteljahrhundert illegale Partei wird sich dort legal neu formieren."Seine Eltern bleiben ihr Leben lang überzeugte Kommunisten, die an die Idee des Kommunismus, an die Utopie der Gleichheit und Gleichrangigkeit ("Von jedem, der die grundlegende Gleichrangigkeit nicht ernst nahm, sagte sie höchst verächtlich, er habe die Rangkrankheit.") unbeirrt glauben. Die Verhaftungswellen, die großen Schauprozesse, die Säuberungsaktionen, die Serien- und Massenmorde der stalinistischen Ära werden von ihnen als Stilfehler und nicht als Systemfehler betrachtet. In den vier Jahren nach der Belagerung erreichen seine Eltern Spitzenpositionen. Nach dem Wertmaßstab der kommunistischen Bewegung erbringen beide optimale Leistungen. Seine resolute, offene, fröhliche Mutter erweist sich als Organisationstalent, als kommissarische Leiterin der Volkswohlfahrt hat sie landesweit ein Netz von Institutionen aufgebaut und überwacht, Kinderspeisung, Kinderferienlager, ein Frauenschutzwerk, Abendschulen, mit Tante Magda das Netz zur Schulung der analphabetischen Frauen auf den Höfen, einen ambulanten Gesundheitsdienst. Sein auf Inhalte und Verfahren konzentrierter Vater glänzt mit seiner Fachkenntnis und seiner an Starrsin grenzenden Beharrlichkeit. "Die Genossen auf den Kaderabteilungen hatten allen Grund, auf sie aufmerksam zu werden und sie für verschiedene Posten vorzuschlagen." Doch "dann muss eine Störung dazwischengekommen sein, ein Berechnungsfehler, ein Charakterfehler, ein stummes Krachen, ein Blitzen, ein Sturm, ich weiß nicht, was, ein Bruch."Als seine Mutter während einer Besprechung im engen Kreis anlässlich der Einführung eines Gesetzes zur Geburtenregulierung, wo der Diktator Rakosi seine Vorstellungen von einer strengen Geburtenpolitik vortrug ("die Zahl der Abtreibungen sei auf null zu reduzieren, der Gebrauch von Präservativen einzuschränken"), aufmüpfig reagierte ("Unsere Mutter habe wutentbrannt ausgerufen, im Sinn der einfachen Volksweisheit sage ich mit meinem einfachen Volkshirn nur das, lieber Genosse Rakosi, zuerst den Stall, dann die Schweine.") verliert sie ihre Stelle. Nur einige Zeit später stirbt sie an einer Krebserkrankung. Seinem Vater wird ein auf Intrigen beruhender Prozess wegen Veruntreuung und Lohnbetrug gemacht. Auch er wird aus seiner Position zurückbeordert. Danach verfällt sein Vater in eine Depression, magert erschreckend ab und wird sich schließlich das Leben nehmen. In seinem Abschiedsbrief bittet er die Partei demütig um Verzeihung: "Zuerst bat er um Verzeihung dafür, dass er auch uns mitnehmen, das heißt, über uns stehen bleiben und uns sorgfältig eine Kugel in den Kopf oder ins Herz jagen würde, und als er das angesichts der Schönheit meines schlafenden Bruders dann doch nicht tut, bittet er in einem Zusatz seine Partei um Verzeihung, denn mit sich selbst werde er irgendwo draußen auf dem Donaukai von Obuda doch Schluss machen und uns den Genossen und unserem Schicksal üerlassen." Seine Eltern waren sosehr mit ihrer Partei verwachsen, schreibt Nadas, dass sie keine Persönlichkeit mehr hatten, "sie stellten sich ihr Leben in einem Plural vor."Die Memoiren sind in zwei Kapitel eingeteilt. Der zweite Teil fängt mit einer Gegenwartsszene an. Peter Nadas hält sich in Frankreich auf und ist auf der Suche nach dem Internierungslager Le Vernet, wo in den Dreißger Jahren des 20. Jahrhunderts sein Onkel Pali Aranyossi, der Ehemann seiner Tante Magda, bei der Nadas nach dem frühen Tod seiner Eltern als Waise lebte, inhaftiert war. Im Zug beobachtet er seine grauenhaft spießigen Reisegefährten, "wie sie unablässig für sich und um sich herumfuhrwerkten, ausschießlich für sich selbst Dinge öffneten, schlossen, herausholten, hineinschoben, abstellten, hochhoben, und unter dem Dauergeknister ihrer Tüten und dem Geknatter ihrer Plastikbehälter vor aller Augen die vier gemäß den spezifischen hedonistischen Riten vorgeschriebenen Gänge methodisch in sich hineinzustopfen. ..Ich ergriff die Flucht. Ich floh vor ihrem pickelharten hedonistischen Pflichtbewusstsein und ihrer cartesianischen Strenge. Ich floh vor Descartes'und De Sades zerstörerischem Geist." Peter Nadas hält sich tagelang in Le Vernet d'Ariége auf, stöbert in den Archiven herum, schaut sich die dort vorhandenen Fotographien der Häflinge an, fragt die Bewohner aus. Indem er fremde Quellen heranzieht, Tagebücher und Autobiographien von Schriftstellern die ebenfalls in diesem Gefangenenlager inhaftiert waren, zeichnet er ein Bild von dem Leben in diesem Lager auf. Unterbrochen werden diese Bilder von den Gegenwartsszenen in Le Vernet d'Ariége und Pamiers.An manchen Stellen braucht man einen langen Atem. Ich denke da zum Beispiel an die seitenlange Parlamentsrede des jüngeren Bruders von Peter Nadas' Urgroßvater Mor Mezei, Ernö Mezei, die er am 15. November 1882 hielt, eine wunderschöne aus dem liberalen Geist geborene Rede gegen den aufkommenden europäischen Antisemitismus. Natürlich darf bei Peter Nadas das Körperliche nicht fehlen, obwohl es im Gegensatz zu seinen Romanen, die niemals pornographisch sind, eine Nebenrolle spielt. An einer Stelle beschreibt Nadas die täglichen Tätigkeiten des Dienstpersonals in den großbürgerlichen Häusern seiner Großeltern aus ihrer Perspektive, wo vor allem das Reinigen der Bettwächse und Unterwäsche der ehrwürdigen Herrschaften sehr pikant ist: "Die Seidenpopeline-Unterhose des Herrn Geheimrats ist schon wieder voller Scheiße. ...War zu faul, nach dem Scheißen das Bidet zu benutzen. ..Auf einem reich mit Brüsseler Spitzen verzierten Nachthemd aus weißem Batist war als letztes Zeichen einer lustlosen Vereinigung eine müde Spermapfütze eingetrocknet. Mit dem Zeugnis eines schwangerschaftsverhindernden Manövers oder einer vorzeitigen Ejakulation lag das Eheleben der Herrschaften hier vor ihrer Nase. ...Solange die Waschmittel mit biologischem Fleckenentferner nicht erfunden waren, blieb der Spermafleck auch auf der Bettwäsche erhalten, und das war nun schon eine Katastrophe. ...Eine eigene Kategorie war die Popeline-Unterwäsche der Männer, denn natürlich schüttelten sie die letzten Tropfen nicht anständig von ihrem Schwanz ab, kann man auch nicht, und diese im Allgemeinen nach links geschnittenen Unterhosen konnte man waschen, so viel man wollte, nach einer Zeit prangte doch wieder ein großer gelber Fleck am Zwickel. Von dem Urin, Sperma und Schweiß war die Unterwäsche nicht mehr makellos, da konnte die Dame des Hauses noch so meckern. Nicht zu reden davon, dass sich der Herr des Hauses wieder aufs feinste Popeline-Taschentuch einen abgewichst hatte."Die Memoiren schließen mit dem ungarischen Aufstand von 1956, der für Nadas in Wahrheit eine Revolution war, wohl die letzte auf dem europäischen Kontinent. Fern von jeder Utopie gibt es jetzt "ausschließlich die Gegenwart, für die ausschließlich die Regierung verantwortlich ist." Die Beschreibung des Aufstands oder der Revolution, in die der 14jährige Peter mitten auf der Straße hineingerät unterstreicht noch einmal mehr was für ein großartiger und glänzender Erzähler dieser Peter Nadas ist. Vor dem Parlament und den umgebenden Straßen versammeln sich eine halbe Million Menschen, es wird "gesungen, gerufen, gefordert, phantasiert." Die Menge fordert im Chor, "der rote Stern auf der Kuppel des Parlaments solle gelöscht werden", die verkleinerte Version des Sterns auf dem Kreml. Statt des Sterns wird die Beleuchtung auf dem ganzen riesigen Platz gelöscht. Handelt es sich um eine Provokation oder um ein technisches Versehen? Auf dem in Dunkeln liegenden Platz werden Flammen angezündet, "die ewige Pyromanie des Menschen verzauberten einige Augenblicke lang alle." Nachdem der Stern doch gelöscht wird, taucht auf dem Balkon Imre Nagy auf, was von Hochrufen begleitet wird. Die verschiedensten Forderungen werden auf dem Platz laut: "Jeder gab seinen Senf dazu. Das machte auch die redselig, die bis dahin geschwiegen hatten. Die enttäuschten Kommunisten. Die von der Helligkeit des Marxismus durchfluteten Studenten. Die antistalinistischen kommunistischen Veteranen. Die erniedrigten Demokraten, die Kleinlandwirte, die hartnäckigen Sozialdemokraten. Da waren die wegen ihrer Religion gedemütigten Gläubigen und die konservativ-liberalen Atheisten. Da waren die wütend antikapitalistischen Arbeiter und die zu Arbeitern gemachten Kleinunternehmer... Ich war eine Ausnahme, fragte nichts, äußerte keine Meinung, blieb ein Beobachter."Obwohl ich die Romane und Essays von Peter Nadas liebe, bin ich fast schon geneigt zu sagen, dass die Memoiren sein bestes Werk sind, ein Werk das den Literaturnobelpreis zweifellos verdient hätte.

  • Wilhelm Kesting
    2018-10-28 14:16

    Das war nach den „Parallelgeschichten“ und dem „Buch der Erinnerungen“ mein dritter Nádas, dieses Mal kein Roman, sondern eine neben seinen eigenen Erinnerungen mit der Auswertung zahlreicher Aufzeichnungen der Verwandtschaft angereicherte Biographie seiner Kindheit und Jugend.Die Wucht seines Erzählens ist sicher hilfreich bei dem Bemühen, die 1278 Seiten durchzuhalten und diesem sprachlichen Monument die ihm gebührende Beachtung zu schenken.1942 geboren, hat Nádas zwar die letzten schlimmen Jahre im 1944/45 von Hitler besetzten Ungarn nur als Säugling und Kleinkind miterlebt, um so intensiver aber die Erinnerungen an die Jahre der kommunistischen Machtübernahme und die Rolle, die beide Eltern dabei gespielt haben.

  • Honoré
    2018-11-07 20:09

    Nadas sagt in diesen Memoiren von sich, dass er Autist sei. So wirkt das Buch. Es ist überladen mit seitenlangen und ermüdenden Reflexionen über DetaiIs aus der Geschichte seiner Familie und seiner Vorfahren. Dadurch gehen die in Relation wenigen Gedanken über die an sich interessierenden geschichtlichen Ereignisse im Ungarn der behandelten Zeit (Ende des 19. Jahrhunderts, 1. und 2. Weltkrieg, Faschismus, Kommunismus, Oktoberrevolution 1956, Öffnung des Eisernen Vorhangs etc.) fast ganz unter.