Read Versuch, in der Wahrheit zu leben by Václav Havel Online

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Niemandem wird geholfen, wenn die Regierung so lange wartet, bis die Menschen demonstrieren und streiken All dem k nnte man sehr einfach durch sachlichen Dialog und durch den guten Willen, auch kritische Stimmen anzuh ren, vorbeugen Solchen Warnungen wurde kein Geh r geschenkt.So erntet die heutige Staatsmacht die Saat ihrer eigenen starren Haltung Ich hoffe immer noch, da die Staatsmacht endlich aufh rt, sich wie das h liche M dchen zu verhalten, das den Spiegel zerschl gt, in der Meinung, er sei schuld an seinem Aussehen V clav Havel, 21 Februar 1989...

Title : Versuch, in der Wahrheit zu leben
Author :
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ISBN : 3688109856
ISBN13 : 978-3688109852
Format Type : Kindle Edition
Language : Deutsch
Publisher : Rowohlt Repertoire Auflage 1 20 April 2018
Number of Pages : 96 Seiten
File Size : 994 KB
Status : Available For Download
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Versuch, in der Wahrheit zu leben Reviews

  • Christian Günther
    2018-11-16 20:05

    Der Essay “Versuch, in der Wahrheit zu leben“ aus dem Jahr 1978 kann wohl in der Rückschau als die Verschriftlichung des gedanklichen Fundaments von Václav Havel betrachtet werden, soviel Kluges er davor und noch mehr danach auch an Büchern und Aufsätzen veröffentlichte. Havel war sicherlich (eigentlich) genauso wenig Philosoph wie er Politiker war; er war im Ursprung Dichter oder konkreter noch Dramaturg; und dennoch wurde er im Laufe seines Lebens und der gesellschaftlichen Ereignisse seiner Zeit zum Politiker, zum Staatsmann; vermutlich sogar einer der größten, die Europa in der zweite Hälfte des vergangenen Jahrhunderts erlebte. Und das ohne es je anzustreben. Genau das gleiche kann man auch über Havel als Philosoph sagen. Er selbst hätte sich wohl nie so bezeichnet und noch weniger Anstrengungen unternommen als solcher betrachtet zu werden. Doch wenn man sich heute seine Überlegungen zum “Versuch, in der Wahrheit zu leben“ erneut ins Bewusstsein hebt, meint man eine Art Anleitung zur friedlichen Revolution zu lesen, ein Drehbuch zu den Ereignissen, die gut zehn Jahre später nicht nur seine Heimat, sondern beinah alle Staaten und deren Gesellschaften, die unter der Hegemonie Moskaus standen, grundlegend veränderten – so gesehen, also doch ein Dramaturg.Und so wie er zum Staatsoberhaupt ungeübt einfach wurde, weil der Verlauf seiner Biographie ihn unangestrebt dahin spülte, und er wohl gerade dadurch wohltuend unkonventionell dieses Amt ausfüllte, sind auch seine durch und durch philosophischen Betrachtungen zum “Versuch, in der Wahrheit zu leben“ wohltuend unkonventionell, frei vom oft (unnötig) hochtrabend philosophischen Duktus.Eingangs umreißt Havel in bestechend analytischer Klarheit die Ist-Situation in seinem Land (mit nuancierten Unterschieden übertragbar auf den gesamten sowjetischen Machtbereich in Europa): natürlich keine freie Demokratie, aber eben auch keine Diktatur im herkömmlichen Sinne, die mit einem solitären Allmachtsinhaber und seinem verhältnismäßig kleinen Gefolge die große Mehrheit von oben kontrolliert und unterdrückt, also im klassischen Verständnis totalitär. Die reale Situation war um einiges perfider. Havel nennt es post-totalitäres System, mit dem expliziten Hinweis, dass das Wörtchen post nicht heißen soll, dass es kein totalitäres System sei, sondern lediglich nicht im Sinne des üblichen Verständnisses von einer Diktatur. Ein System, was zur Errichtung eine Ideologie bemühte, die binnen weniger Jahre zum eigentlichen Machthaber völlig entkoppelt von den Menschen (auch von den Mächtigen!) auswuchs. Beste Beispiele zum Beweis sind alle ranghohen Apparatschiks, die selbst zum Opfer des Systems wurden, wenn sie dem Erhalt des ideologischen Systems nicht mehr dienlich waren oder auch nur nicht mehr dienlich schienen (was sie nicht von ihrer Verantwortung befreit!). Ein System, funktionsfähig im Kern nur durch die Anpassung (beinah) aller, die aus subjektiv durchaus verständlichen Motiven, durch die Anpassung aus Angst vor Repressalien selbst Teil des Systems werden. Das nennt Havel zurecht den Zwang zum Leben in der Lüge und stellt dem seine Überlegungen zum Leben in der Wahrheit entgegen – unpolitisch, ohne Waffen, keine Revolution (wiederum im klassischen Wortsinn), sondern einfach nur Wahrheit erkennen und aussprechen – was, wenn immer mehr Menschen in einem post-totalitären System das einfach tun, sich einfach für ein Leben in Wahrheit entscheiden?Die Weisheit Havels (und mit ihm zeitgleich und in den Jahren danach noch vieler anderer) lag darin zu erkennen, dass eine klassische Revolution nicht nur der Vermeidung von Gewalt wegen nicht wünschenswert wäre, sondern dass sie auch deshalb nicht vielversprechend schien, weil es keine kleine herrschende Klasse gab, die man notfalls eben mit Gewalt zum Teufel jagen konnte und dann wäre das Problem gelöst. Die Lösung lag darin, den Menschen ihr Leben in Lüge bewusst zu machen (womit sie Teil des Systems wurden und es am Leben erhielten, weiter wachsen ließen und es im Grunde sogar legitimierten) und sie zu ermutigen ein Leben in der Wahrheit zu wagen, sich der lächerlichen Scheinwelt zu entziehen, im Grunde wie in Hans Christian Andersens “Des Kaisers neue Kleider“. Und wie wir heute wissen, ist es ähnlich auch passiert. Es gehörte letztlich nicht “viel mehr“ dazu, als ein friedliches Bekenntnis der Massen zur Wahrheit und binnen Wochen zerbrach die Grundlage für ein auf kollektives Selbstbelügen fußendes ideologisches System.Was Havels Essay heute noch so unerhört wichtig und wertvoll macht (und es daher nur zu wünschen ist, dass möglichst viele Menschen diese Gedanken auch und gerade heute in sich bewegen) ist, wie er selbst auch immer wieder betont, seine Gültigkeit gegen jede Ideologie, die ganze Gesellschaften in ein Leben in Lüge nötigt. Denn so sehr es damals der Kommunismus als Staatsform war, der sich völlig verselbständigt am Wohle der res publica vorbei einwickelt hat und von allen forderte seiner Erhaltung und Verbreitung als reinen Selbstzweck zu dienen, ist es heute ein Ideologie-Amalgam des Konsums, des Permanent-Entertainments, eines immer häufiger entmenschlichten und völlig kritiklosen Fortschrittsglaubens und totaler Ökonomisierung aller Lebensbereiche, Effizienzwahn und ein missionarischer, vermeintlich guter Gesinnungshoheitsanspruch...Der Kaiser ist nackt, das sehen die meisten, doch sagen es nur wenige (und laborieren derweil lieber an ihrem Burn-out-Syndrom), denn man will ja nicht als Spaßbremse, rückschrittlich gestrig, prüde oder als verantwortungsloser Umweltsünder oder intoleranter Raucher dastehen...Courage und Aufrichtigkeit gegen sich selbst, das sind heute wie damals die klügsten Mittel gegen post-totalitäre Systeme und Ideologien, nicht blutige, umstürzlerische Revolten oder bedenkliche Parteien mit obskuren Heilsparolen! Oder nach Havel: Einfach ein Leben in Wahrheit, redlich, menschlich, aufrichtig und mit unverbogenem Rückgrat.

  • Bittermann
    2018-10-25 14:45

    Es ist ein Bekänntnis zu der inneren Freiheit, in dem man die Wahrheit verteidigt und ihr folgt.Ganz Vaclav Havel !!

  • Hanniel
    2018-11-12 15:45

    Vaclav Havel schreibt in seinem Essay „Versuch, in der Wahrheit zu leben“ über die Funktionsweise eines posttotalitären Systems. Mitten im sich damals abzeichnenden Umbruch in seinem Heimatland und seiner erneuten Haftstrafe schrieb er seine scharfsinnigen Beobachtungen auf.Natürlich kann man nicht alles eins zu eins in eine andere Welt transferieren. Doch es gibt manche Parallele zur Funktionsweise von Systemen, seien das Familien, Unternehmen, Kirchgemeinden oder NPO. Wie viele Menschen führen ein Leben in Lüge um eines ruhigen Lebens willen!Eine scheinbar belanglose HandlungEin Leiter eines Gemüseladens placierte im Schaufenster zwischen Zwiebeln und Möhren das Spruchband „Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“ (14)Was dahinter steckt… Wenn er es nicht getan hätte, könnte er Schwierigkeiten bekommen; man könnte ihm Vorwürfe machen, dass er keine ‚Dekoration‘ hat; irgend jemand könnte ihn sogar der Illoylität bezichtigen. Er hat es deshalb getan, weil es ‚dazu gehört‘, wenn man im Leben durchkommen will; weil das eine von Tausenden ‚Kleinigkeiten‘ ist, die ihm ein relativ ruhiges Leben ‚im Einklang mit der Gesellschaft‘ sichern. (14)Was die Botschaft wirklich bedeutet… Diese Parole hat die Funktion eines Zeichens. Als solches enthält sie eine zwar versteckte, aber ganz bestimmte Mitteilung. Verbal könnte man sie etwa so formulieren: Ich, der Gemüsehändler XY, bin hier und weiss, was ich zu tun habe; ich benehme mich so, wie man es von mir erwartet; auf mich ist Verlass, und man kann mir nichts vorwerfen; ich bin gehorsam und habe deshalb das Recht auf ein ruhiges Leben. Diese Mitteilung hat selbstverständlich ihren Adressaten: Sie ist ‚nach oben‘ gerichtet, an die Vorgesetzten des Gemüsehändlers, und ist zugleich ein Schild, hinter dem sich der Gemüsehändler vor eventuellen Denunzianten versteckt. (14-15)Wenn die wirkliche Botschaft ausgehängt würde… Beachten wir: Würde man dem Gemüsehändler befehlen, die Parole ‚Ich habe Angst und bin deshalb bedingungslos gehorsam‘ in das Schaufenster zu stellen, würde er sich ihrem semantischen Inhalt gegenüber bei weitem nicht so lax verhalten. Obwohl eben dieser Inhalt sich mit der verborgenen Bedeutung des Spruchbandes im Schaufenster diesmal absolut deckt. Der Gemüsehändler würde sich wahrscheinlich weigern, eine so unzweideutige Nachricht über eine Erniedrigung im Schaufenster auszustellen, es wäre ihm peinlich, er würde sich schämen. (15)Sich den Spielregeln anschliessen…Wir haben gesehen, dass die eigentliche Bedeutung des Spruchbandes des Gemüsehändlers überhaupt keinen Zusammenhang mit dem Text der Parole hat. Trotzdem ist diese eigentliche Bedeutung absolut klar und allgemein verständlich. Das ergibt sich daraus, dass alle den gegebenen Code kennen: Der Gemüsehändler deklarierte seine Loyalität … auf die einzige Art, auf die die gesellschaftliche Macht hört: Nämlich so, dass er das vorgeschriebene Ritual akzeptierte, dass er den ‚Schein‘ als Wirklichkeit akzeptierte, dass er sich den ‚Spielregeln‘ angeschlossen hat. (18)Das Leben in der Lüge als Panorama des Alltags… Das Erfordernis, dass sich der Gemüsehändler öffentlich äussert, scheint sinnlos zu sein. Es ist aber nicht sinnlos. Die Menschen beachten zwar seinen Slogan nicht, sie beachten ihn aber deshalb nicht, weil solche Parolen auch in anderen Schaufenstern, auf Dächern, auf Masten – einfach überall hängen; weil sie so etwas wie das Panorama ihres Alltags bilden. Dieses Panorama als Ganzes ist ihnen freilich sehr gut bewusst. Und der Slogan des Gemüsehändlers ist nichts anderes al ein kleiner Bestandteil von diesem grossen Panorama. (23)Der gegenseitige Zwang den Spielregeln zu gehorchen…. Ihre gegenseitige Gleichgültigkeit den Parolen gegenüber ist nur Trug. In Wirklichkeit zwingt einer den anderen durch sein Spruchband, das vorgegebene Spiel zu akzeptieren und dadurch auch die gegebene Macht zu bestätigen, einer hält einfach den anderen in Gehorsam. (24)Die individuelle Motivation für das Leben in Lüge… Sehr vereinfacht könnte man sagen, dass das posttotalitäre System auf dem Boden der historischen Bewegung der Diktatur mit der Konsumgesellschaft gewachsen ist. Hängt nicht die Tatsache, dass sich die Anpassung an das ‚Leben in Lüge‘ so allgemein und die gesellschaftliche ‚Autototalität‘ so leicht verbreitet haben, mit der allgemeinen Unlust des Konsummenschen zusammen, etwas von seinen materiellen Sicherheiten zugunsten seiner geistigen und sittlichen Integrität zu opfern? Mit seiner Bereitschaft, angesichts der äusserlichen Verlockung der modernen Zivilisation auf einen ‚höheren Sinn‘ zu verzichten, mit seiner Aufgeschlossenheit den Verlockung der herdenhaften Unbekümmertheit gegenüber? (26)Die Konsequenzen des AusstiegsStellen wir uns jetzt vor, dass sich unser Gemüsehändler eines Tages auflehnt und aufhört, Spruchbänder auszustellen, die er nur ausstellte, um sich Liebkind zu machen; dass er aufhört, zu Wahlen zu gehen, von denen er weiss, dass es keine sind; dass er anfängt, bei Veranstaltungen das zu sagen, was er wirklich denkt und genug Kraft findet, sich mit denen zu solidarisieren, mit denen sich zu solidarisieren ihm sein Gewissen befiehlt. Durch eine solche Rebellion wird der Gemüsehändler aus dem ‚Leben in Lüge‘ austreten, das Ritual ablehnen und die ‚Spielregeln‘ verletzen. Er wird wieder seine unterdrückte Identität und Würde finden, seine Freiheit zu verwirklichen. Seine Rebellion wird ein Versuch um das Leben in Wahrheit sein.Die Rechnung wird ihm schnell präsentiert werden: Er wird seinen Posten verlieren und zum Beifahrer eines Lieferwagens degradiert werden. Sein Gehalt wird herabgesetzt. Seine Hoffnung, eine Urlaubsreise nach Bulgarien zu machen, wird er aufgeben müssen. Die weitere Schulausbildung seiner Kinder wird bedroht. Die Vorgesetzten werden ihn schikanieren, und seine Mitarbeiter werden sich über ihn wundern. (26-27)Wer die Spielregeln verletzt… Das System muss es tun, von der Logik seiner ‚Eigenbewegung‘ und Selbstverteidigung ausgehend: Der Gemüsehändler beging nämlich nicht nur irgendein individuelles, in seiner Einmaligkeit abgeschlossenes Vergehen, sondern er hat etwas unvergleichlich Gewichtigeres getan: Dadurch, dass er die ‚Spielregeln‘ verletzte, hat er das Spiel als solches abgeschafft. Er hat entlarvt, dass es nur ein Spiel ist. Er hat die Welt des ‚Scheins‘ zerstört, die Grundlage des Systems; er hat die Machstruktur dadurch verletzt, dass er ihre Bindungen durchlöchert hat; er zeigte, dass das ‚Leben in Lüge‘ ein Leben in Lüge ist. Er hat die Fassade des ‚Erhabenen‘ durchbrochen und enthüllt die wirkliche, das heisst ‚niedere‘ Basis der Macht. (27-28)Die Macht des Lebens in Wahrheit… stützt sich auf keine eigenen Soldaten, sondern sozusagen auf die ‚Soldaten ihres Feindes‘, nämlich auf alle, die in der Lüge leben und zu jeder Zeit – zumindest theoretisch – von der Kraft der Wahrheit ergriffen werden könnten…FazitIn den letzten Jahren sind viele alte Tabus gefallen. Dafür wurden eine Menge neuer geschaffen. Das Spiel geht weiter.